Lektion 4: Phonetik in der Praxis
Wie kann die theoretische Basis der Phonetik im Alltag angewendet werden?
Schlüssel-konzepte
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Dialekte
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Sprachliche Variation
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Artikulationsstörungen
Unit 1: Dialektale Unterschiede
Theorie-Videos als Einstieg:
Weist Euch eine Zahl zwischen 1 und 5 zu und schaut das Video, das Eurer Nummer entspricht (auf den Titel klicken):
Setzt Euch anschließend in 5er-Gruppen zusammen und tauscht aus, was Ihr im Video gelernt habt.
Theoretischer Input:
Wie Ihr bestimmt wisst, gibt es große dialektale Unterschiede je nach Region der Schweiz. Um die Phonetik praktisch anzuwenden, können wir anhand der Schweizer Dialekte sehen, wie phonetische Merkmale je nach Dialekt unterschiedlich sind. Grob kann man die Schweizer Dialekte anhand dieser phonetischen Unterschiede durch zwei Grenzen voneinander unterscheiden: Nord-Süd-Gegensätze und West-Ost-Gegensätze.
Allgemein gilt: strukturelle Aspekte, die Dialekte voneinander unterscheiden, stimmen nicht mit den Kantonsgrenzen überein.
Ein Beispiel für konsonantische Unterschiede nach Dialekt ist das 'K' im Wort Kind. Dies kann je nach Dialekt als Kind, Khind, Chind oder Kchind ausgesprochen werden.
Doch auch die Vokale sind ausschlaggebend, um die phonetischen Unterschiede der Dialekte zu erkennen: So hat das Standarddeutsche wie die Dialekte unterschiedliche Vokalsysteme.
Ein Beispiel für die Nord-Süd-Gegensätze ist die Lautqualität des mhd. â-Lautes:
Nord-Süd-Gegensätze
• zu 1: untersch. Lautqualitäten des langen mhd. â-Lautes i. d. Dialekten
- Süden: mhd. Lautung erhalten (Aabe, Aabet), leicht verdumpft (Ààbig, Ààbet);
ZH: wiederhergestellte mhd. Lautung
- Norden: verdumpfte, stark o-haltige Lautung (Òòbe, Òòbet, Òbe) bzw. sdt. o-Aussprache
(Oobig, Oobe)
- Schwyz, St. Galler Oberland: schliessende ou-Diphthonge (Oubig, Oubet);
Südwallis: öffnende oa-Diphthonge (Oabe)
Ein anderes Beispiel ist die Aussprache von morgen
• zu 2: Zeitadverb morgen (ahd. morgane; mhd. morgene/morne)
- Süden: Endung -re (moore)
- Norden: Endung -rn (moorn); apokopiertes -e
- Schwyz, St. Galler Oberland: schliessende ou-Diphthonge (moure)
Oder die Vokalaussprache im Wort schneien
• zu 3: mhd. î im Silbenauslaut vor Vokal (Hiatus-Stellung)
- Süden: mhd. Lautung erhalten (schniie < mhd. snīen)
- Norden: „flache“ Diphthongierung (schneie) bzw. offener Diphthong im Nordosten
(schnäie, schnaie)

• zu 4: germ. -nk-
- Süden: germ. k > ahd. Affrikate kch > Frikativ ch/h; Nasal n schwindet vor Frikativ,
Dehnung bzw. Diphthongierung des vorausgehenden Vokals (Staubsches Gesetz)
(triiche, triichu, triihu; treiche); vgl. auch Schinken, stinken, denken, schenken, Anke
- Norden: germ. k > ahd. Affrikate kch (trinkche)
- Niederalem.: germ. k unverschoben > zu g lenisiert (tringge, dringge)
→ generell gilt: „Je südlicher ein Ort, desto mehr dialektale Eigentümlichkeiten
können erwartet werden, die einem älteren Sprachstand entsprechen oder
die als kleinräumige Sondererscheinungen gelten können.“ (Christen/Glaser/Friedli 2019: 32)
Ein humorvoller Abschluss über die deutschen Dialekte:

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Installiere die 'Dialäkt-Äpp' und bestimme deinen Dialekt mithilfe der App. Welche phonetischen Elemente fragt die App ab? Stimmt das Resultat?
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Die App ist leider nur für Apple verfügbar. Falls du kein iPhone hast, versucht in Gruppen zusammenzuarbeiten.
UNIT 2: Artikulationsstörungen
Zuerst zur Definition:
„Phonetisch-artikulatorische Störungen liegen dann vor, wenn ein Laut nicht nach den Regeln der Standardsprache gebildet wird (z.B. Sigmatismus interdentalis, [...]). Der Laut ist als Phonem zu erkennen und wird vom Kind als solches verwendet, kann jedoch artikulatorisch nicht korrekt gebildet werden (Jahn 2001). Gegebenenfalls können rezeptive Schwierigkeiten bei der auditiven Unterscheidung der richtigen und abweichenden Artikulation zu beobachten sein [...].“ (Schrey‐Dern, 2006)
Bei Artikulationsstörungen entspricht die Lautbildung eines oder mehrerer Laute nicht dem sogenannten "Standardmuster" einer Sprache, d.h. ein Laut wird nicht bzw. nicht normgerecht gebildet. Die Veränderungen in der Aussprache können durch motorische oder organische Faktoren verursacht werden.
Im Allgemeinen sind die Zischlaute (s, z, sch, ch1 [=Ich-Laut im Deutschen]) am häufigsten betroffen. Die Artikulationsanomalie der Laute /s/ und /z/ wird auch als "Sigmatismus" (umgangssprachlich: "Lispeln") bezeichnet und tritt in verschiedenen Formen auf. Artikulationsstörungen können als primäre Störungen (Störungen der Artikulationsentwicklung) und sekundäre Störungen (z. B. aufgrund von Hörstörungen oder Erkrankungen/Missbildungen in der Mundhöhle) auftreten. Sie können funktionelle oder neurogene Ursachen haben. Auch Fehlbildungen der Artikulationsorgane (z. B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalte) können zu einer gestörten Artikulation führen. Dies ist jedoch seltener der Fall. Dem Kind fällt es in der Regel schwer, genau zu artikulieren, auch weil es sprachliche Vorbilder hat, die eine ähnliche Aussprache haben. In den meisten Fällen artikulieren die Kinder die Laute nicht genau genug und lernen während des Lauterwerbs ein falsches Lautmuster. Je länger und intensiver ein Kind eine falsche Artikulation geübt (automatisiert) hat, desto schwieriger kann es sein, die richtige Zielbewegung zu erlernen und im Alltag anzuwenden. Artikulationsstörungen sind bei Kindern während des Spracherwerbs relativ häufig.
Ungefähr 13,5 % der 4–6-jährigen Kinder haben Artikulationsstörungen.
Beispiel: "θuθi will θüθeθ Eiθ." ('Susi möchte süßes Eis'). Im Beispielsatz werden alle s-Laute interdental ausgesprochen, d. h. die Zunge gleitet bei der Artikulation von /s/ zwischen die Zähne.
Bei addentalen Lauten wird die Zunge nicht zwischen die Zähne gelegt, sondern zu nahe an die Vorderzähne. In beiden Fällen führt dies zu einem veränderten Klang von /s/, der als "Lispeln" wahrgenommen werden kann. Auch die Produktion des /sch/-Lautes kann Probleme bereiten, was zu einem so genannten lateralen Sigmatismus führt. Ist die Artikulationsstörung motorisch bedingt, können die Betroffenen das für den Ziellaut notwendige Bewegungsmuster der Zunge/Lippen noch nicht korrekt ausführen. Beispielsweise lispeln Menschen, weil ihre Zungenmuskeln zu schwach sind, um ein sauberes /s/ zu sprechen oder weil sie sich angewöhnt haben, von Anfang an zu lispeln. Ein Laut kann auch aufgrund einer anderen Erstsprache anders ausgesprochen werden (Akzent), da er in der Erstsprache nicht enthalten ist. Organische Störungen können durch Fehlbildungen, Operationen oder Verletzungen verursacht werden, die zu ungewöhnlichen Verhältnissen im Mund und in der Nase führen, sodass bestimmte Laute nicht richtig artikuliert werden können. Dazu gehören z. B. Zungenlähmungen, Lippen- und Gaumenspalten, Kiefer-/Zahnfehlstellungen, Narbenbildung usw.
Beispiele für häufige Artikulationsabweichungen
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Sigmatismus (Fehlbildung der Laute ss, z, s)
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Nasales Verschlucken von kn."Spuckende" Aussprache der Konsonantenverbindung kl
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Bildung der Laute /k/ und /g/ am weichen Gaumen, aber mit der Zungenspitze
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Gerollte Zungenspitze /r/ (Akzent)
Kennt Ihr Personen/Freunde/berühmte Personen, die von der sprachlichen Norm abweichen? Sucht möglich Phänomene, die als Artikulationsstörung bekannt sind. Versucht in Gruppen zu erklären, welche Laute wo produziert werden und inwiefern die Artikulationsstörung von der Norm abweicht. Wie wird der Laut eigentlich im Mund produziert, und wie mit Artikulationsstörung.
Seid Ihr fertig mit der Übung? Natürlich wisst Ihr am besten, wer in Eurer Nähe eine Artikulationsstörung hat. Es gibt viele Prominente, die eine solche Störung haben, die meisten davon sind Lispeln, da dies die häufigste Artikulationsstörung ist. Beispiele sind: Michael Phelps (Schwimmer): Lispeln Chris Bumstead (Bodybuilder): Lispeln Mike Tyson (Boxer): Lispeln

Quellen:
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1LIVE. (2018, August 01) Tahnee: Dialekte | 1LIVE Generation Gag. [Video]. YouTube. Abgerufen am 15.11.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=TQSOEaE4I-s&t=1s
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Christen, H. & Glaser, E. & Friedli, M. (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7. verbesserte Auflage. Frauenfeld et al.: Huber.
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Fox-Boyer, A.V. (2016). Kindliche Aussprachestörungen. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag GmbH
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Grimm, H. (2012). Störungen der Sprachentwicklung. Grundlagen – Ursachen – Diagnose Intervention – Prävention (3., überarb. Aufl.). Hogrefe.
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Kuhn, R. & Povel, C. (2020). Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache. In M. Kölch, M. Rassenhofer, & J. Fegert (Hrsg.), Klinikmanual Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Springer
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Phonetische Aussprachestörungen, (o.D.) https://sprachgefaehrten-hh.de/fuer-kinder/sprechstoerungen/phonetische-aussprachestorungen/ (letzter Zugriff am 14.11.23).
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Schrey-Dern, D. (2006). Sprachentwicklungsstörungen. Logopädische Diagnostik und Therapieplanung. Thieme.
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Sonderegger, Stefan (2003): Aspekte einer Sprachgeschichte der deutschen Schweiz. In: Werner Besch et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. 3. Teilband. Berlin/New York: de Gruyter, 2825–2888.
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SRF Wissen. (2022, April 10). Community fragt nach - warum wird das "L" in einigen Dialekten zum "U"? | Dini Mundart | SRF [Video]. YouTube. Abgerufen am 15.11.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=s7q3-k6o6po&list=PLNdtgZq-piaydopCwO-aJnKLZlMiOnW7t&index=21
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SRF Wissen. (2022, April 24). Community fragt nach – wie ist eigentlich Schweizerdeutsch entstanden? | Dini Mundart | SRF [Video]. YouTube. Abgerufen am 10.10.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=yhf4ofy7tD0&t=1s
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SRF Wissen. (2022, Mai 01). Dialekteerkennung - wie du Zentralschweizer Dialekte unterscheiden kannst | Dini Mundart | SRF [Video]. YouTube. Abgerufen am 15.11.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=Rds2QLayx6Q&list=PLNdtgZq-piaydopCwO-aJnKLZlMiOnW7t&index=18
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SRF Wissen. (2022, August 07). Dialekte raten - Unterschiede in der Nordwestschweiz | Dini Mundart | SRF [Video]. YouTube. Abgerufen am 15.11.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=7QFooZhud1s&list=PLNdtgZq-piaydopCwO-aJnKLZlMiOnW7t&index=11
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SRF Wissen. (2022, December 04). Community fragt nach: Welcher Schweizer Dialekt ähnelt dem Hochdeutschen am meisten? | Dini Mundart | SRF [Video]. YouTube. Abgerufen am 15.11.2023, von https://www.youtube.com/watch?v=wddEejEvvYs&list=PLNdtgZq-piaydopCwO-aJnKLZlMiOnW7t&index=3
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Weinrich, M. & Zehner, H. (2011). Phonetische und phonologische Störungen bei Kindern. Aussprachetherapie in Bewegung. Reihe: Praxiswissen Logopädie. 4. Aufl., Berlin: Springer